Deutscher Herbst & linker Protest: TUNIX, Russell-Tribunal, Bahro-Kongress

… so lauten die Schlagwörter für meine Dissertation am Max-Weber-Kolleg in Erfurt. Nach meiner Magisterarbeit über das „Terrorjahr“ 1975, galt meine Aufmerksamkeit von Dezember 2007 bis Februar 2011 den vier relevanten Protestphänomenen der bundesdeutschen Linken nach dem Deutschen Herbst:

Linker Protest nach dem Deutschen Herbst

  1. Zum einen dem TUNIX-Kongress, auf dem sich im Januar 1978 Spontis wie Alternative trafen, um über Wege des Zusammenlebens und Möglichkeiten des politischen Engagements unter den Bedingungen der „Bleiernen Zeit“ in der Bundesrepublik zu diskutieren.
  2. Zum anderen dem 3. Internationalen Russell-Tribunal und seinen Unterstützerkomitees, die ein symbolisches Gerichtsverfahren organisierten, auf welchem im März/ April 1978 sowie im Januar 1979 über Menschenrechtsverstöße in der Bundesrepublik verhandelt und geurteilt wurde.
  3. Einen weiteren Abschnitt meiner Dissertation widmete ich den Initiativen für die „politischen“ Gefangenen in der Bundesrepublik, die nach 1977 fortfuhren, gegen widrige Haftumstände und eingeschränkte Verteidigerrechte zu protestieren. Von besonderem Interesse waren dabei die Initiativen der Angehörigen von RAF-Gefangenen sowie die RAF-nahen, linksradikalen „Antifa“-Gruppen.
  4. Zuguterletzt nahm ich die Solidaritätskampagne zur Freilassung Rudolf Bahros in den Blick, die die Inhaftierung des SED-Kritikers zum Anlass nahm, die westdeutsche und westeuropäische Linke gegen die Repression in der DDR und den übrigen Ostblockstaaten zu mobilisieren. Höhepunkt der Kampagne war der Internationale Kongress für und über Rudolf Bahro im November 1978.

Neben dem Festhalten am Ziel einer sozialistischen Gesellschaft und der Verurteilung von Repression in aller Welt, brachte der Kongress wenig Konkretes. Es kam zu keinen besonders fruchtbaren Annäherungsversuchen innerhalb der westdeutschen Linken, aber Bahro selbst konnte später – nach seiner Freilassung 1979 und der damit verbundenen Ausreise in die Bundesrepublik – einen Teil der dogmatischen und undogmatischen Linken dazu bewegen, sich der Grünen Partei anzuschließen.

Forschungsverlauf im Überblick

APO-Archiv an der Freien Universität Berlin.

Das APO-Archiv in Berlin war meine erste Recherchestation. Im Mai 2008 sammelte ich Material im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Auf einen entsprechenden Antrag hin durfte ich im November Akten der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) einsehen. Die Einsichtnahme war in der BStU-Außenstelle in Gera möglich. Auf Grund des raschen Materialzuwachses entschied ich, mich letztlich auf vier Archive zu beschränken: das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn war meine letzte Station. Hier nahm ich im März 2009 Einsicht in zahlreiche Akten aus den gut erschlossenen Beständen des Helmut-Schmidt- und des Willy-Brandt-Archivs.

Darüber hinaus nutze ich Materialien des International Institute of Social History (IISG) in Amsterdam und folgende elektronische Quellensammlungen:

  • Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung
  • Labour History Resources
  • Anarchiv Collection

Im Archiv des HIS im Hamburger Mittelweg.

Ohne Kontakte zu Zeitzeugen hätte ich mit vielen Informationen wenig anfangen können. Die meisten meiner Gesprächspartner leben in Berlin. Im September 2008 führte mich ein Termin ins „Hilton“-Hotel am Gendarmenmarkt. Im April 2009 war der Bahnhof Südkreuz Treffpunkt für ein Gespräch in Kreuzberg.

Von der Recherche zur Veröffentlichung

An die Recherche- schloss sich im Herbst 2009 die Schreibphase an. Etwa ein Jahr später, am 25. November 2010, habe ich die Dissertation am Max-Weber-Kolleg Erfurt zur Begutachtung eingereicht. Am 7. Februar 2011 konnte ich sie im Rahmen der Disputation erfolgreich verteidigen. Das abschließende Thesenpapier ist hier nachzulesen.

Im Laufe des Jahres 2011 habe ich die Veröffentlichung der Dissertation vorbereitet. Es galt die Finanzierung abzusichern und das lange Manuskript in eine brauchbare Druckvorlage zu verwandeln. Schließlich erschien im März 2012 Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des ’starken Staates‘, 1977-1979 bei Transcript Bielefeld.

Für die großzügige Förderung des Druckes danke ich der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Stiftung Geschwister Boehringer Ingelheim für Geisteswissenschaften.

Außerdem bedanke ich mich bei allen, die mir für das Buch Fotos bereitgestellt oder mir beim Zusammentragen der Abbildungen geholfen haben, darunter Harald Pfeffer, Gunnar Erdmann und André Hupfer.